Kreuzfahrtindustrie und Green Shipping als Maritime Innovationstreiber

(Blohm + Voss / Christian Spahrbier)

Die maritime Wirtschaft ist einer der bedeutenden Wirtschaftsfaktoren in Hamburg. Neue Herausforderungen bekommen der Schiffbau und die Zulieferindustrie von höheren Umweltstandards und durch mondäne Kundenwünsche. Spezialisierungen stärken dabei den Wirtschafts- und Forschungsstandort.

Es ist eine eindrucksvolle Szenerie, wenn vor den Hamburger Landungsbrücken im Zentrum der Stadt ein Kreuzfahrtschiff wie die Queen Mary 2 in der Fahrrinne der Elbe gedreht und zentimetergenau in das Trockendock Elbe 17 bei der Werft Blohm + Voss eingedockt wird. Bei solchen Manövern kommt das Heck den Besuchern der zentralen Schiffsanlegestelle am Nordufer der Elbe zum Greifen nah. Elbe 17 ist eines der größten Trockendocks in Europa und kann die längsten und berühmtesten Schiffe aufnehmen. So kommt neben der Queen Mary 2 auch die Queen Elizabeth und die Queen Victoria regelmäßig zum Service auf die Hamburger Werft. Die Queen Victoria erhielt hier Ende 2014 zwei neue Abgaswaschanlagen, so genannte Scrubber und drei Abgasfilter eingesetzt. Blohm + Voss, 1877 gegründet, ist eine der letzten deutschen Großwerften. Mitten im Hamburger Hafen gelegen, sind Service- und Reparaturaufträge ein wichtiges wirtschaftliches Standbein der Traditionswerft. Und das Geschäft boomt: Die Carnival Corporation, größte Kreuzfahrt-Reederei der Welt, lässt hier ihre gesamte Europa-Flotte modernisieren und reparieren. Zu der US-amerikanischen Reedereigruppe gehören neben den drei Königinnen der Cunard Line unter anderem auch die Clubschiffe von Aida Cruises sowie die Kreuzfahrtschiffe von Costa Crociere und P&O Cruises.

„Der Schiffbau in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt und steht vor neuen Herausforderungen“, erklärt Jessica Werner, Leiterin der Geschäftsstelle Hamburg des Maritimen Clusters Norddeutschland. In dem länderübergreifenden Netzwerk haben sich die Akteure der maritimen Wirtschaft und der Wissenschaft zusammengeschlossen, um gemeinsam ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Innovationskraft branchenübergreifend zu stärken. „Die Branche hat in Deutschland sehr lange auf den Bau von Containerschiffen gesetzt. Seit der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ist ein deutlicher Trend zur Spezialisierung zu sehen“, sagt Werner. Sie verweist auf den Neubau großer Kreuzfahrtschiffe in der norddeutschen Meyer-Werft. Auch Zulieferbetriebe profitieren von dieser Entwicklung. So liefert das Hamburger Unternehmen SAM Electronics GmbH Navigations- und Überwachungseinrichtungen für die Steuerung des Schiffsbetriebs. Die Amptown Systems Company stattet die Entertainmentbereiche von Passagierschiffen, wie etwa Theater, Kinos oder Bars mit Multimedia-Technik aus. „Die Produkte der deutschen Schiffsbauzulieferindustrie zeichnen sich durch gute Qualität und hohe Verlässlichkeit aus“, unterstreicht Werner.

Ein weiteres Beispiel für die Spezialisierung im Schiffsbau ist die Sietas-Werft. Das 1635 gegründete Schiffsbauunternehmen ist einer der ältesten Betriebe in Hamburg und hatte sich auf den Bau kleiner und mittlerer Containerschiffe spezialisiert. Als im Zuge der Rezession 2009 die Nachfrage deutlich zurückging, sattelte Sietas auf Nischen im Spezialschiffbau um. So wurde die Werft 2010 mit dem Bau des ersten deutschen Errichterschiffs für Offshore-Windparks beauftragt. In schwierigem wirtschaftlichem Fahrwasser musste die Werft 2011 dennoch Insolvenz anmelden. Mit Hilfe der Pella-Werftengruppe aus Hamburgs Partnerstadt St. Petersburg als neuem Partner will Sietas nun gestärkt aus der Krise hervorgehen.

(Download durch Klick aufs Bild / Queen Mary 2 / Christian Sparbiehr)

Aufträge für Spezialschiffe und Mega-Yachten

Auch Blohm + Voss verlässt sich nicht allein auf Serviceaufträge aus der Kreuzfahrtindustrie oder der Handelsschifffahrt. Auf dem Werftgelände werden auch Offshore-Spezialschiffe für die Öl- und Gasförderung gebaut. Der Bau von exklusiven Super-Yachten ist ein weiteres Standbein des Traditionsunternehmens. Der russische Milliardär Roman Abramowitsch ließ hier seine Megayacht Eclipse bauen. Das Schiff beherbergt auf insgesamt neun Decks ein Kino, eine Diskothek und einen Pool, außerdem zwei Hubschrauber-Landeplätze, 20 Jet-Skis und vier Motorboote. Es sind die einzigartigen und komplexen Kundenwünsche, die besondere Ansprüche an die Konstruktion und die Ausrüstung dieser Super-Yachten und Blohm + Voss damit vor immer neue Herausforderungen stellen. So verfügt die 2014 ausgelieferte Yacht Graceful über einen Innenpool, der durch Anhebung des Poolbodens zu einer Tanzfläche umgewandelt werden kann. Blohm + Voss hält sich bedeckt, was die Auftraggeber für diese Super-Yachten angeht. Die Graceful, so wird in Szenekreisen vermutet, wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin bestellt.

Allein im Schiffbau sind in Norddeutschland fast 15 000 Menschen beschäftigt, 2013 erwirtschafteten die Unternehmen einen Gesamtumsatz von knapp 4,7 Mrd. Euro. Den Werften bietet die maritime Forschung ein breites und innovatives Spektrum an Forschungs- und Ausbildungsstellen. Allein an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) erforschen zwölf verschiedene Institute maritime Systeme und versuchen effizientere und sicherere Schiffe zu konzipieren. Seit über 100 Jahren gibt es die Hamburger Schiffsbauversuchsanstalt (HSVA). Hier werden die neuesten Rumpftypen auf ihre hydromechanischen Eigenschaften erprobt und ihr Manövrierverhalten in einem 300 m langen Versuchsbecken auch bei Seegang analysiert. Für besonders aufwendige Simulationen können die Schiffsmodelle unter klimaextremen Einsatzszenarien in einem der weltgrößten Eistanks getestet werden.

Maritime Industrie deckt gesamte Wertschöpfungskette ab

In Hamburg hat auch die Klassifizierungsgesellschaft DNV GL ihr maritimes Hauptquartier. Das Unternehmen, das 2013 aus der Fusion von Det Norske Veritas und Germanischer Lloyd entstanden ist, zertifiziert Neubauten und überprüft die Einhaltung internationaler Sicherheits- und Umweltstandards. Die Ingenieure beraten Schifffahrtsunternehmen vor allem hinsichtlich der Effizienzsteigerung und entwickeln Konzepte für künftige Antriebssysteme. Auch das Fraunhofer-Centrum für maritime Logistik und Dienstleistungen (CML), das 2010 auf dem Campus der TUHH gegründet wurde, entwickelt und optimiert Prozesse und Systeme entlang der maritimen Versorgungskette. Digitale Lösungen aus dem Bereich Ship & Information Management sollen dabei verschiedene Entscheidungsprozesse in der maritimen Wirtschaft unterstützen. Das CML leitet zudem auch das europaweite Forschungsprojekt MUNIN, in dem Potenziale und Voraussetzungen für die unbemannte Schifffahrt erforscht werden.

Umweltschutz sorgt für Imagewandel

„Die Metropolregion Hamburg ist ein bedeutender Standort für die maritime Wirtschaft“, erläutert Werner. Neben den Werften und der Reedereiwirtschaft zählt sie auch die Wissenschafts-, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, die Meerestechnik, maritime Dienstleister, die Offshore-Branche und die Hafengesellschaften dazu. „Hamburg verfügt über einen sehr starken Branchenmix. Insbesondere in der maritimen Wirtschaft sind die Großunternehmen aufgrund der langen Tradition meist bereits sehr gut vernetzt und viele Firmen und Verbände haben ihren Hauptsitz direkt an der Elbe. Somit werden in der Stadt auch viele wichtigen Entscheidungen getroffen“, bestätigt Werner. Ihrer Meinung nach gibt es kaum einen anderen Ort in Deutschland, an dem sich so viel maritimes Know-how an einem Ort konzentriert, wie in der Metropolregion. Dies zeige sich auch in zahlreichen Konferenzen und Veranstaltungen. Alle zwei Jahre trifft sich die maritime Industrie in der Hansestadt zur Weltleitmesse SMM. 2014 lockten über 2 100 Aussteller auf 90 000m2 Ausstellungsfläche mehr als 50 000 Fachbesucher aus aller Welt nach Hamburg. Wichtigste Themen sind der maritime Umweltschutz und die Steigerung der Effizienz. Seit dem Jahreswechsel dürfen in europäischen Küstengewässern nur Schiffs-Treibstoffe mit einem Schwefelanteil von 0,1 % eingesetzt werden. Zudem wurden die Effizienzvorgaben der Internationalen Maritimen Organisation (IMO) verschärft, um den Brennstoffverbrauch und die Treibhausgas-Emissionen der Schiffe weiter absenken zu können. Diese Vorgaben rufen Menschen wie Dirk Lehmann von Becker Marine Systems auf den Plan. Das Unternehmen aus dem Hamburger Süden entwickelt innovative Ideen für das Green Shipping. Mit seinen Hochleistungs-Ruderanlagen für Mega-Yachten und große Tanker oder Containerschiffe ist das Unternehmen Weltmarktführer. Für mehr Umweltschutz in der Schifffahrt sorgt das Unternehmen mit weiteren energiesparenden Lösungen für den Schiffsantrieb. Seine Innovationskraft bewies das Unternehmen zuletzt mit seinem LNG-Konzept. Gemeinsam mit der Kreuzfahrtreederei Aida Cruises entwickelte Becker Marine Systems ein schwimmendes Kraftwerk, das verflüssigtes Erdgas (LNG) als Brennstoff verwendet. Diese LNG-Barge kann seit 2015 Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen während der Liegezeiten mit Strom versorgen - immer dort, wo es keine Landstromversorgung gibt. Weil die Kreuzfahrtriesen an ihren Liegeplätzen im Zentrum der Stadt dann auf den Betrieb eigener Dieselgeneratoren verzichten, werden die Schadstoffemissionen nachhaltig reduziert. „Die LNG Hybrid Barge wird dazu beitragen, dass die Luft in Hamburg deutlich sauberer wird“, ist Geschäftsführer Lehmann überzeugt. Das Konzept hat er zu einem LNG-Hybridantrieb weiterentwickelt und will nun auch Fährschiffe auf den umweltfreundlichen Antrieb umstellen.

Schiffbau in Hamburg

Blohm+Voss blickt auf eine fast 140-jährige Geschichte zurück und ist die letzte in Hamburg verbliebene Großwerft in Hamburg. Das klassische Geschäftsfeld Schiffsneubau hat sich in den letzten Jahren immer stärker gewandelt. Heute beschäftigt das Unternehmen ein Team von rund 1100 Experten in den vier Geschäftsbereichen Mega Yachts, Ship Services, Production Services und Power Plant + Marine Services. Die Werft ist auf die Bearbeitung komplexer Projekte im Yachtneubau sowie bei der Reparatur, dem Umbau und Modernisierung von Passagierschiffen, Offshore-Einheiten sowie Handelsschiffen spezialisiert und überzeugt durch nachhaltige, innovative Technologien.

 Fakten:

  • Letzte Großwerft im Hamburger Hafen mit dem Trockendock Elbe 17
  • Spezialisierung auf den Bau maßgeschneiderter und individuell gestalteter Megayachten ab einer Länge von 80 Metern
  • Umbau, Modernisierung von Passagierschiffen, Offshore-Einheiten für die Erdöl- und Gasfördeurng, Marine-Einheiten sowie Handelsschiffen

 

Kontakt:

Blohm+Voss GmbH

Hermann-Blohm-Str. 3

20457 Hamburg

Michael Brasse, Unternehmenskommunikation, Tel.: +49 40 3119-1486

www.blohmvoss.com

Schiffsbau-Versuchsanstalt

In der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt GmbH (HSVA) können Schiffskonstrukteure aus aller Welt Modelle neuer Schiffsrumpf-Typen unter verschiedenen Einsatzbedingungen erproben lassen. Die HSVA ist der ideale Ansprechpartner, wenn es um die hydrodynamische Optimierung von Schiffsneubauten geht. Die 1913 gegründete Forschungseinrichtung verfügt dazu über eine eigene Modellwerkstatt, in der schon mehr als 5 000 Schiffsmodelle gebaut wurden. Die Schiffsmodelle können dann in einem 300 m langen Schlepptank mit Wellenerzeugern getestet und die Rumpfumströmung gemessen werden.

 Fakten:

  • 300 m großer Schlepptank zur Erprobung von Schiffsmodellen
  • Eistank simuliert das Fahrverhalten der Modelle unter arktischen Bedingungen
  • Hydrodynamik- und Kavitationstunnel zur Messung der Hinterschiffsströmungen und der Kavitationsvorgänge am Modellpropeller

Kontakt:

HSVA Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt GmbH

Bramfelder Strasse 164, 22305 Hamburg

Dr. Janou Hennig, Managing Director, Tel: +49 40 69203216

www.hvsa.de

Umwelt- und Effizienztechnologien für die Schifffahrt

Das Hamburger Unternehmen Becker Marine Systems GmbH hat sich auf energiesparende Lösungen für den Schiffsantrieb spezialisiert. Mit seinen Hochleistungs-Ruderanlagen ist der Anbieter Weltmarktführer. Das LNG-Konzept des Unternehmens soll den emissionsarmen Brennstoff als Schiffstreibstoff etablieren. Im Hamburger Hafen wird ab 2015 Kreuzfahrtschiffen ein schwimmendes Gaskraftwerk mit verflüssigtem Erdgas als Brennstoff für die Stromerzeugung bereitgestellt. Die LNG-Barge wird dazu beitragen, dass sich die Schadstoffemissionen in der Stadt reduzieren, weil die Dieselgeneratoren der Schiffe für die Stromerzeugung abgeschaltet werden können. Ein LNG-Hybridantrieb soll künftig auch andere Schiffe umweltfreundlich antreiben.

 

Fakten:

•effiziente Ruderanlagen reduzieren den Treibstoffverbrauch von großen Seeschiffen um 3 %
•Absenkung der NOx- und CO2-Emissionen
•LNG-Barge versorgt Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen mit umweltfreundlichem Strom

 

Kontakt:

Becker Marine Systems GmbH & Co. KG

Blohmstraße 23, 21079 Hamburg

Chris Lehmann, PR-Managerin, envise OHG, Tel.: +49 40 30092880

www.becker.marine-systems.com