Geschichte zum Anfassen: Die Hansestädte im Norden

(Download durch Klick aufs Bild / Historische Altstadt Stade / imagefoto.de)

Trubel wie auf einem mittelalterlichen Markt. Gravitätisch dahin schreitende Kaufleute in alten Kostümen mit Barett auf dem Kopf, die sich ihren Weg durch die Menge bahnen, Marktverkäuferinnen und Mägde in langen Kleidern und Schürzen. Hunderttausende von Besuchern, die sich für ein paar Stunden ins Mittelalter zurückversetzen lassen. Und das alles vor der Kulisse alter Speicher und Hansekoggen.

Die „Hansestage“, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfinden, ziehen regelmäßig bis zu einer Million Besucher an. Für die Städte sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 2014 schlug der Hansetag in Lübeck mit rund 15 Millionen Euro zu Buche. Veranstaltet werden die „Hansetage“ von der „Neuen Hanse“, einem Städtebund, den die niederländische Hansestadt Zwolle 1980 ins Leben gerufen hat und dem mittlerweile mehr als 100 Städte angehören.

Die modernen Hansetage sind aber nicht nur Volksfeste, sie sind gleichzeitig ein Forum für die Mitgliedsstädte, auf denen aktuelle Probleme der Stadtentwicklung und andere wirtschaftliche, soziale und politische Themen diskutiert werden. Die Hanse ist für diesen friedlichen Austausch über Ländergrenzen hinweg eine ideale Marke. Als sich im 13. Jahrhundert Fernkaufleute norddeutscher, niederländischer und baltischer Staaten zusammenfanden, um als „Hansen“ gemeinschaftlich Handel zu treiben, ging es ihnen darum, sich gegenseitig Schutz und Sicherheit zu garantieren. Gemeinsam unterhielt man Niederlassungen in London – der Stalhof – in Bergen und in Novgorod. Es konnte nicht ausbleiben, dass sich das erfolgreiche Kaufmannsbündnis zu einem Städtebündnis erweiterte, galt es doch auch, sich militärisch gegen Wegelagerer und Seeräuber zu schützen. Auf den Hansetagen wurden politisch weitreichende Entscheidungen getroffen und sogar Kriege beschlossen. Im ausgehenden 16. Jahrhundert verlor die Hanse mit der Entdeckung der Neuen Welt ihre Bedeutung und löste sich schließlich 1651 auf. Die Hanse war Geschichte, wurde zu einer verblassenden Erinnerung. Nur in wenigen ehemaligen Hansestädten bewahrte man das Bewusstsein, einst eine Hansestadt gewesen zu sein.

Vom Markt zum Forum

Hamburg gehörte zu den wenigen Hansestädten, die auch nach dem Niedergang der Hanse weiterhin auf dem Erfolgskurs waren und im neuen Welthandelsverkehr weiterhin eine bedeutende Rolle spielten. Doch auch wenn hier, anders als in einigen Osteestädten keine architektonischen Spuren mehr sichtbar sind, wird die Tradition der Hanse doch wertgeschätzt. Doch sie wird mit neuen Inhalten gefüllt. Wenn der Senat zum Frühlingsbeginn Gäste aus Wirtschaft, Kultur und Politik zum „Matthiae-Mahl“ ins Rathaus lädt, eine Tradition, die sich 1356 zurückdatieren lässt, geht es auch um einen politischen Meinungsaustausch. Der politische Diskurs steht auch Sinn und Zweck der „Morgensprache“, mit der die Hamburger Handelskammer 2005 eine hansische Tradition wieder zum Leben erweckt hat. Spitzenvertreter der Hamburger Wirtschaft erörtern dann, in roten Roben und schwarzem Barett gekleidet, in den Händen alte Insignien der Kaufmannszunft, gemeinsam mit geladenen Gästen aktuelle Probleme und Herausforderngen.

Die Idee der Hanse schlägt Brücken, verbindet Städte und Regionen, bietet ihnen neue Foren. Es lohnt sich, sich mit der Hanse zu beschäftigen, denn sie hat auch den modernen Menschen noch etwas zu sagen, betont Dr. Lisa Kosok, Direktorin des neuen Europäischen Hansemuseums in Lübeck: „Das Museum veranschaulicht die Entwicklung der Hanse, dessen Einflüsse bis in die heutige Zeit spürbar und greifbar sind. Im Zusammenhang mit Mythos und Wahrheit der Hansegeschichte werden Fragen aufgeworfen und behandelt, die auch für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Europa von heute relevant sind. Die Besucher können sich auf ein Museum freuen, das in vieler Hinsicht neue Maßstäbe setzt.“

Von der Hanse zum Ostseerat

Der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm setzte sich nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion dafür ein, nach dem Vorbild der alten Hanse den Städte der Ostseeanrainerstaaten, die jahrzehntelang kaum Kontakt untereinander hatten wieder eine neue Struktur zu geben. Probleme, die es zu lösen galt, gab es ausreichend – ökologische, wirtschaftliche und politische. Seine Anregung, den Ostseeraum in der Tradition der Hanse wieder als einen gemeinschaftlichen Schicksals- und Wirtschaftsraum zu begreifen, stieß auf große Resonanz. Rund um das Mare Balticum sind seitdem zahlreiche Netzwerke geknüpft worden. Wissenschaft und Forschung kooperieren, Handelskammern tauschen sich aus, gemeinsam werden Fragen des Umweltschutzes diskutiert und anderes mehr. Zu den wichtigen politischen Foren gehört der 1992 in Kopenhagen gegründete Osteerat (Council of the Baltic Sea States, CBSS) mit Sitz in Stockholm. Auch hier stand die Idee Pate, dem Ostseeraum wieder eine gemeinsame Stimme zu geben – so wie es zu Zeiten der alten Hanse war.