Die Energiewende als wirtschaftliches Erfolgsmodell

(Download durch Klick aufs Bild / Containerhafen mit Windrädern / Ottmar Heinze)

Im Hamburger Hafen installieren immer mehr Unternehmen eigene Windkraftanlagen, um ihre Energie selbst zu erzeugen. Das ist für die Hafenbetriebe günstiger und steigert ihre Effizienz. Die smarten Energie-Projekte zeigen auch, dass die erneuerbaren Energien ökonomisch wettbewerbsfähig sind – und Hamburg wird zum Schaufenster der deutschen Energiewende.

In Hamburg liegt der Hafen zentral im Herzen der Stadt. Fasziniert beobachten Spaziergänger und Touristen vom Elbstrand aus die vorbeifahrenden Containerschiffe aus aller Welt. Auf der anderen Uferseite stehen die modernsten Containerbrücken, die emsig die größten Frachter der Welt be- und entladen. Aus der imposanten Hafenkulisse ragen drei Windkraftanlagen des norddeutschen Anlagenherstellers Nordex SE fast 200 Meter in den Himmel. Sie sind ein sichtbarer Beleg der Energiewende in Deutschland. Steigende Energiepreise und höhere Anforderungen an den Klimaschutz haben bei den Betrieben im Hamburger Hafen zu einem Umdenken geführt. Seit knapp eineinhalb Jahren betreibt der Terminalbetreiber EUROGATE ein eigenes Windrad mit 2,4 Megawatt Leistung. „Mit einer Stromproduktion von mehr als 8 Millionen Kilowattstunden haben wir im Jahr 2014 unser Ziel übertroffen“, sagt Gordon Friza, der zuständige Projektleiter von EUROGATE. Um Kosten für den Strombezug bei anderen Energieunternehmen zu sparen, verzichtet das Unternehmen auf die lukrative und garantierte Einspeisevergütung für erneuerbare Energien. Dadurch kann EUROGATE den mit dem Windrad erzeugten Strom selbst nutzen. Aufgrund des geringeren Stromeinkaufs rechnet Friza damit, dass sich die Invesition von rund 4,8 Millionen Euro aufgrund des geringeren Stromeinkaufs innerhalb von 5 Jahren amortisiert. EUROGATE setzt auf einen intelligenten Erzeugungsmix und hatte schon zuvor Photovoltaik-Anlagen (PV) auf seinen Gebäuden installiert. Im Frühjahr 2014 wurde zusätzlich noch ein Blockheizkraftwerk (BHKW) in Betrieb genommen. „Der Strombedarf auf dem Hamburger Terminal kann mit dem BHKW, der Solarenergie und dem Wind bereits zu fast zwei Drittel gedeckt werden“, bestätigt Friza. Neben der Eigenstromerzeugung gehören die Ressourcenschonung und die Effizienzsteigerung zur Umweltstrategie von EUROGATE. „Seit 2008 konnten wir den Energieverbrauch pro umgeschlagenen Container um 13 Prozent senken“, berichtet Friza und will die Einergieeffizienz pro Container bis 2020 auf 20 Prozent steigern.

Vom größten Energieverbraucher zum Produzenten

Neben dem Windrad von EUROGATE stehen in direkter Nachbarschaft noch zwei weitere Windturbinen. „Hamburg Wasser“ und „Hamburg Energie“ steht weithin sichtbar auf den Türmen. Die beiden städtischen Unternehmen setzen ebenfalls konsequent auf erneuerbare Energien. Hamburg Energie ist 2009 als Öko-Stadtwerk gestartet und verspricht seinen Kunden eine Versorgung mit 100 Prozent grünem Strom und Biogas. Hamburg Wasser nutzt als größter städtischer Energieverbraucher den Strom aus dem Windrad für die Eigenversorgung seines Klärwerks Köhlbrandhöft und hat im Sommer 2014 noch eine zusätzliche Windturbine installiert. In dem Klärwerk werden täglich rund 450.000 Kubikmeter Abwasser gereinigt, damit ist die Anlage eine der größten ihrer Art in Europa. Charakteristisch für das Klärwerk sind die zehn jeweils 8 000 Kubikmeter fassenden und etwa 30 Meter hohen Faultürme. Mit ihren farbigen Beleuchtungen sind sie ein nächtlicher Blickfang im Hafen.

(Windkraftanlagen im Hamburger Hafen / Ulrich Mertens)

„Die Produktion der beiden Windkraftanlagen erfüllt unsere Erwartungen. Wir decken etwa 20 Prozent unseres Stromverbrauchs damit ab“, erklärt Energiemanager Lüder Garleff. Den übrigen Energiebedarf bezieht das Klärwerk bereits seit 1997 aus dem Klärschlamm. In den riesigen Faultürmen entsteht aus dem Klärschlamm Gas, das zu zwei Dritteln aus Methan und zu einem Drittel aus Kohlendioxid (CO2) besteht. In einem betriebseigenem kombinierten Gas- und Dampfturbinenkraftwerk werden diese Gase seither in Strom und Wärme umgewandelt. Zusammen mit den beiden Windrädern liegt die Eigenerzeugungsquote des Klärwerks nun bei mehr als 100 Prozent, die Anlage arbeitet energieautark.

Zusätzlich wurde vor vier Jahren auf dem Klärwerksgelände ein Pilotprojekt gestartet. Erstmals wurden dabei in Deutschland die organischen Strickstoffverbindungen und das Kohlendioxid aus den Faulgasen eines Klärwerks dieser Größenordnung abgeschieden. Das so aufbereitete Gas wird als Biomethan in das öffentliche Erdgas-Netz eingespeist und über das Tochterunternehmen Hamburg Energie an Haushalte und Gewerbekunden in der Stadt vermarktet. „Im vergangenen Jahr konnten wir etwa 10 Prozent unseres Faulgases in Biomethan umwandeln und 22 Millionen Kilowattstunden einspeisen“, berichtet Garleff. Mit dem steigenden Windstromanteil kann das Klärwerk also die Biogasproduktion steigern und gemeinsam mit Hamburg Energie dazu beitragen, dass die CO2-Emissionen in Hamburg weiter sinken.

Kluges Zusammenspiel von erneuerbarer Energien

Diese und andere Projekte sind gute Beispiele für die Nutzung regenerativer Energien im Hamburger Hafen und für das Zusammenspiel einzigartiger Ideen für die Energiewende. Die Hafenbehörde HPA will im Rahmen der Kooperation „smartPORT energy“ solche Maßnahmen vorantreiben. Ziel ist es, die Abhängigkeit von konventionell erzeugter Energie abzusenken, die Emissionen zu reduzieren und die umweltfreundliche Mobilität zu fördern. Schon jetzt profitiert auch der Wirtschaftsstandort von dieser Entwicklung. Hamburg ist inzwischen das Zentrum der Windindustrie in Europa. International führende Unternehmen wie DONG Energy, Nordex, Senvion und Siemens Windenergy haben sich mit ihren Hauptsitzen in Hamburg niedergelassen. Das in der Stadt konzentrierte Know-How hilft dabei die Energiewende umsetzen und innovative Lösungen finden, zum Beispiel um den Energiebedarf im Hafen auch bei Windflaute stillen zu können. „Der Hafen mit den dort vorhandenen großen Industrieunternehmen, wie Stahl-, Kupfer- und Aluminiumhütten, Kühlhäuser oder Containerterminals ist das größte Energieverbrauchszentrum Norddeutschlands“, erläutert Jan Rispens, Geschäftsführer der Clusteragentur Erneuerbare Energien Hamburg. Bis Ende 2015 sollen insgesamt sieben Windräder im Hafengebiet aufgestellt werden. Zudem sollen die einzelnen Erzeugungsanlagen zu einem virtuellen Kraftwerk zusammengeschlossen und ein Lastmanagementsystem eingeführt sowie erste Projektideen und Pilotvorhaben für Speichertechnologien entwickelt werden.

Speicherpotenziale erschließen

Eines dieser Projekte plant der Energiekonzern Eon. In Hamburg-Reitbrook will das Unternehmen überschüssigen Windstrom aus dem Stromnetz mit Hilfe eines sogenannten PEM-Elektrolyseurs in Wasserstoff umzuwandeln. Power-to-Gas nennt sich das Verfahren.

Auf dem Energieberg Georgswerder, einer renaturalisierten ehemaligen Mülldeponie, hat der städtische Versorger Hamburg Energie weitere Wind- und Photovoltaikanlagen installiert. Im Rahmen seines 10-Megawatt-Projektes hat Hamburg Energie zahlreiche Dächer, wie beispielsweise den historischen Kaischuppen 50-52 oder das Stadiondach des FC St. Pauli, mit Solaranlagen ausgestattet.

Stärkung für den Wirtschaftsstandort

Die Energiewende und der Ausbau der erneuerbaren Energien haben den Wirtschaftsstandort Hamburg gestärkt. Neben dem Anlagenbauer Nordex ließen sich auch die Wettbewerber Senvion und Siemens mit seiner Windsparte in der Hansestadt mit ihren Hauptsitzen nieder. Von Hamburg aus planen außerdem die Energiekonzerne Dong Energy und Vattenfall den Ausbau ihrer Offshore-Windprojekte und werden dabei von Ingenieurbüros und anderen Dienstleistungsanbietern unterstützt. „Hamburg ist das wichtigste Windindustriezentrum in Europa“, bestätigt auch Rispens. Er verweist auf elementar wichtige Synergien zwischen den mehr ländlichen Gebieten in der Metropolregion Hamburg und die Stadt selbst. Rispens: „Mit seinen guten nationalen und internationalen Verbindungen bündelt Hamburg viel Know-how im Windenergiebereich und die Region verfügt zusätzlich über hervorragende Fertigungsstätten.“ Alle zwei Jahre trifft sich die Branche zur Messe WindEnergy Hamburg in der Elbmetropole, erstmals im September 2014. „Mit ihrer Premiere hat die internationale Windenergie Leitmesse gezeigt, dass Hamburg hier ein wichtiges weltweites Schaufenster für die deutsche und europäische Windenergieindustrie ist“, unterstreicht Rispens. Der Hafen bietet noch viele Möglichkeiten, dies unter Beweis zu stellen.