Die Stadt als Livebühne - Hamburgs Popszene

(Deichkind / Jonas Lindström)

Im Molotow schwitzt das Rock’n’Roll Fieber unter der niedrigen Decke, durch die große Fensterscheibe der Hasenschaukel dringen Folk und Country und auf dem Spielbudenplatz erfreuen Newcomerbands die teils ahnungslosen Touristen mit ihren Songs - einmal im Jahr verwandelt sich der Hamburger Stadtteil St. Pauli zur Live-Bühne.

Wenn aus sämtlichen Clubs rund um die Reeperbahn, aus Kirchen und Stripclubs, Theatern und Sparkassenfilialen Pop, Rock, HipHop, Folk und Experimentelles dröhnen – dann ist Reeperbahn Festival, das größte Clubfestival Europas und vielversprechendes Sprungbrett für Nachwuchsmusiker aus aller Welt; vergleichbar mit dem South By Southwest Festival in Austin, Texas. Immer Ende September bietet Hamburgs bekanntester Stadtteil St. Pauli die perfekte Bühne für das Liveclubfestival – schließlich vibriert auf den rund 70 Livebühnen und -clubs des Stadtteils das gesamte Jahr über die Musikszene.

Die Wurzeln des Rock'n'Roll 

Der Rock’n’Roll hat hier Tradition – seit Jahrzehnten ist das norddeutsche Hamburg für viele Musiker aus Skandinavien und England ein Sprungbrett auf den europäischen Kontinent. So standen im August 1960 auch vier junge Liverpooler das erste Mal auf der Bühne des Clubs „Indra“ – die Beatles! „Indra“, der benachbarte „Kaiserkeller“ und die Bühne des legendären Star-Clubs waren das Übungs- und Experimentierfeld für die junge Band; hier lernten die Beatles bei ihren nächtelangen Sessions, als Band zu spielen und ein eigenes Repertoire zu entwickeln. Bis heute sind die Bühnenbretter dieser traditionellen Liveclubs Nachwuchsbands aus England und Skandinavien eine Inspiration, die auf den großen Durchbruch zuspielen.

Hamburger Schule und Hip Hop 

In den 90er Jahren entstand sogar ein eigenes, mit der Stadt assoziiertes Genre: Die sogenannte „Hamburger Schule“. Bands wie Die Sterne, Tocotronic und Blumfeld waren die deutschsprachige Entsprechung zum US-amerikanischen Indie zwischen Grunge, Punk und Slacker. Auch unter dem Begriff „Diskurspop“ zuhause, vermischten diese Bands Elemente von Jugendkultur und persönlicher Befindlichkeit mit politischer Kritik. Aktuelle Newcomerbands wie Trümmer, Die Heiterkeit oder Schnipo Schranke folgen heute den politischen Spuren ihrer Vorbilder.

Auch der Hip Hop Hamburger Prägung symphatisierte in den 90ern mit den politischen Themen der linken Szene; Bands wie Deichkind, Fettes Brot oder Jan Delay beziehen sich immer wieder in Songtexten, Interviews oder durch Solidaritätskonzerte auf diese. Musikalisch haben diese Künstler den puren HipHop jedoch zugunsten anderer Stile vernachlässigt. Fettes Brot experimentierten mit Pop und Elektro, Jan Delay setzte auf Soul, Funk und zuletzt augenzwinkernd auf Rock und Deichkind spielen längst in einer Liga jenseits jeder Vernunft. Mit ihrem ureigenen Mix aus Elektrotrash und Wummerwahnsinn bringen sie die Massen zum Beben.

(Rhonda / Carlos Fernández Laser)

 

Auf dem besten Weg zur Begeisterung der Massen sind auch Künstler wie Boy, Hundreds oder Fuck Art, Let’s Dance! Das Girls-Duo Boy fabriziert unbeschwerten Folk-Pop mit einem Hauch Melancholie, während Fuck Art, Let’s Dance! sich den Trend aktueller Indie-Hipster zu eigen machen und mit ihrem elektronischen Synthie-Pop zum Tanzen auffordern. Hundreds dagegen bewegen sich mit ihrem atmosphärischen Elektrosounds zwischen Tag und Nacht – die Stimme von Sängerin Eva Milner berührt mit zeitloser Präsenz. 

Sprungbrett für den Nachwuchs

Für junge Musiker am Anfang ihrer Karriere ist die Stadt ein großes Experimentierfeld: In Hamburg haben sowohl eine Majorcompany wie Warner Music oder Edel Music ihren Sitz, von hier aus planen renommierte Konzertveranstalter wie Karsten Jahnke und FKP Scorpio weltweite Tourneen und Festivals. Die unzähligen Bühnen der Hamburger Clublandschaft machen es den Bands der Stadt leicht, ihr Publikum zu erreichen. Kleinen und unbekannten Bands wird in der Astra Stube, im Logo oder der Hasenschaukel eine Chance gegeben. Von hier aus können sie stetig größere Bühnen entern, über das im Bunker residierende Uebel & Gefährlich oder das gegenüberliegende Knust bis hin zur Großen Freiheit.

Nachwuchsmusiker blühen insbesondere in der Szene um St. Pauli und Schanzenviertel auf. Hier sind die Clubs und die Plattenläden für die Inspiration, die Bars für den Brotjob, die kleinen Labels, Bookingagenturen und Do-It-Yourself-Verbände zuhause, die das Musikleben der Stadt prägen: Etwa das Label „Buback“, gleichzeitig Musikverlag und Bookingagentur für Jan Delay, die Goldenen Zitronen oder Deichkind; oder seit der Jahrtausendwende Firmen wie Audiolith, Grand Hotel van Cleef, Tapete oder Dial Records, die neue Künstler und auch Genres protegieren. Kommerzielle Interessen stehen dabei weniger im Vordergrund. Die Liebe zur Musik, das Do-It-Yourself-Prinzip und gegenseitige Unterstützung zählen. Bis heute zählt beim Electro Label Dial Records der Handschlag zwischen Labelgründern Peter Kersten Und David Lieske mehr als ein von Anwälten ausgeklügelter Vertrag. Dial Records ist damit zur einflussreichen Brutstätte international erfolgreicher elektronischer Acts wie Lawrence, Berghain-Resident DJ Efdemin oder Pantha Du Prince geworden. Gleiches gilt für das Label „Audiolith“: Betreiber Lars Lewerenz rekrutierte seine Künstler Egotronic, Frittenbude und Click Click Decker nicht nur als Geschäftspartner, sondern auch als Kumpels. 

Unterstützung durch die Stadt

Einige der eben genannten Labels logierten eine Weile als Musikstartups im Musikhaus „Karostar“. Das städtisch geförderte Zentrum für die lokale Musikszene beherbergt stets zahlreiche Player der Musikbranche vom Plattenlabel über den Musikverlag bis hin zur Bookingagentur. Und das in unmittelbarer Nachbarschaft des sogenannten „Medienbunkers“ – einem Hochbunker aus dem 2. Weltkrieg und heute Heimat des Musiksender Byte.fm, des legendären Musikclubs „Uebel und Gefährlich“ sowie zahlreicher Musikstudios. Hier befindet sich auch der Musikclub Knust und „Rockcity e.V.“. Der Verein fördert Nachwuchsmusiker mit Mentorenprogrammen, Praxis-Workshops und dem jährlichen Nachwuchspreis „Krach & Getöse“. Den heimsten zuletzt Bands wie Tonbandgerät oder Fuck Art Let’s Dance! ein – mittlerweile Plattenvertragsbesitzer und Konzerthallenausverkäufer. Nirgendwo findet man das musikalische Leben Hamburgs auf kompakterem Raum als im dem Karostar angeschlossenen Schallplattenladen „Hanseplatte“ – er verkauft ausschließlich Werke von Hamburger Musikern und Künstlern aus drei Dekaden – von echten Raritäten bis zum letzten Hype. 

Elektropunk bis Folk - Hamburgs Popszene ist vielfältig

Wer sich hier durch die Regale wühlt, sieht: Im Jahr 2015 existieren in Hamburg alle Schattierungen des Pop von Elektropunk, Techno, Rock, Indie, Folk bis hin zum Schlager dicht und kompakt nebeneinander. Live lässt sich das auch an fast jedem Abend der Woche erleben: Im Sommer lockt das Dockville Festival im Stadtteil Wilhelmsburg mit dem Industriecharme der Hafenkulisse nicht nur die lokale Musik- und DJ-Szene. Acts wie Editors, Hot Chip, Santigold oder Mount Kimbie begeisterten die Besucher. Spartenliebhaber amüsieren sich bei Events wie dem Elbjazz, dem Soul am Hafen oder dem Spektrum Festival für HipHop- und andere Beats-Liebhaber. Und da gibt es noch so viel mehr - nur eins, das gibt es in der Hamburger Musikszene nicht: Eintönigkeit.

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