Tea-Time auf Hanseatisch

(Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten, Guido Leifhelm)

Hamburg ist Europas Tee-Hauptstadt. Die Hafenstadt ist nicht nur ein traditionelles Handelszentrum für Tee, sondern auch nach wie vor das Wichtigste: Gut 70 Prozent des europäischen Teehandels werden hier abgewickelt. Deshalb haben sich auch eine Vielzahl von Tee-Veredelern und –Handelshäusern hier angesiedelt. Und der „Afternoon-Tea“ wird an der Alster so klassisch serviert wie sonst nur an der Themse.

Holzvertäfelte Wände, Kronleuchter, im Kamin brennt auch im Sommer das Feuer und über allem liegt der Duft von Bergamotte, Earl Grey-Tee. In der Wohnhalle des Hotel Vier Jahreszeiten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Mehr als hundert Jahre sind vergangen, seit Friedrich Haerlin 1897 das kleine Hotel an der Binnenalster kaufte, vergrößerte und zum Luxushotel machte. Damals boomte der Hafen, mehrmals täglich lieferten große Handels-Segler Kaffee, Gewürze und Tee in die neu erbaute Speicherstadt.

In London regierte Königin Victoria, deren Hofdamen eine englische Institution erfanden: Den Afternoon Tea. Eine Sitte, an der auch die Hanseaten rasch Gefallen fanden und die bis heute in der Wohnhalle des Hotel Vier Jahreszeiten zelebriert wird. Kaum etwas Schöneres gibt es, als einen (möglichst verregneten) Nachmittag in den weich gepolsterten Sesseln zu versinken und Tee zu trinken! 30 Sorten hat Tea Master Andreas Winkels im Angebot, zu jedem Kännchen aus dünnwandigem Porzellan serviert er eine silbern gefasste Sanduhr. Kaum ist das letzte Körnchen hindurchgerieselt, entfernt er die Teeblätter aus der Kanne. Für den nachmittäglichen Hunger werden Finger-Sandwiches mit Roastbeef, Lachs und Putenbrust, gereicht, Scones mit Clotted Cream und Marmelade sowie eine hinreißende Törtchen-Auswahl.

Auch im Park Hyatt Hamburg in der Park Lounge kann man einen exklusiven English Afternoon Tea genießen. Süße und herzhafte Speisen aus der hauseigenen Patisserie werden kunstvoll auf einer Etagere angerichtet. Dazu kann nach traditioneller Art natürlich Tee gewählt oder bzw. und aber auch Champagner getrunken werden. Täglich in der Zeit von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr besteht hier die Möglichkeit vor dem Kamin oder auf einer der Emporen, mit Blick auf die immer gut besuchte Einkaufsmeile in der Mönckebergstraße, nach britischer Tradition den Nachmittag zu verbringen.

(Afternoon Tea ©Park Hyatt Hamburg)

Nach deren Genuss braucht es Bewegung. Wer dem Tee auf der Spur bleiben will, steuert die Speicherstadt an, den ersten Bauabschnitt am „Brook“, entlang des Zollkanals, Block E, der im Krieg unversehrt blieb. Direkt hinter dem Kibbelsteg ist ein schweres Holzportal auffällig beflaggt: Ein goldener Löwe, das Schwert in der Pranke, vor blutrotem Hintergrund. „Konsulat der Demokratisch Sozialistischen Republik Sri Lanka“, prangt auf einer Messingtafel. Sri Lanka, das Land, das bis 1972 Ceylon hieß. Ceylon, wie der Tee, aus dem die „Englischen Mischungen“ bestehen.

Aus den geöffneten Kellerluken duftet es intensiv nach Tee, nach Trockenfrüchten und Kräutern, durch die Fenster im Hochparterre erhascht man Blicke auf meterlange Regale mit Teedosen. An dieser Adresse, Pickhuben 9, residiert seit 1887 stets derselbe und mittlerweile älteste Mieter der Speicherstadt: „Hälssen & Lyon“, eines der traditionsreichsten und größten Teehäuser Europas, noch immer in Familienhand. Seit 1974 vertritt Olav C. Ellerbrock, Gesellschafter von „Hälssen & Lyon“, Sri Lanka als Honorarkonsul.

Ellerbrocks Vater hatte bereits 1959 in Sri Lanka in eine Instant-Teefabrik investiert und beste Beziehungen zum drittgrößten Tee-Exporteur der Welt: Ceylon-Tee, tiefschwarzes Blatt, kupfern leuchtender Aufguss, sehr aromatisch, gehört zum Besten der Welt. Und wird – selbstverständlich – in Hamburg gehandelt. Denn Hamburg ist Europas Tee-Hauptstadt. Gut 70 Prozent des europäischen Teehandels wird hier abgewickelt, das sind mehr als 39.000 Tonnen im Jahr. Nahezu alle großen Reedereien wie Hapag-Lloyd oder Hamburg-Süd fahren Tee. Acht bis zehn Wochen dauert es, bis der aus den Anbauländern, China, Indien, Sri Lanka oder Kenia in der Hansestadt ankommt, wo sich zahlreiche Dienstleister wie Labore, Logistik-Betriebe und Veredelungsfirmen angesiedelt haben.

Sogar im ehrwürdigen „Haus der Patriotischen Gesellschaft von 1756“ an der Trostbrücke residiert ein Tee-Importeur, der Deutsche Teeverband hat seinen Sitz genauso in Hamburg wie das European Tea Committee. Ein Grund dafür ist die Tee-Steuer, die von 1953 an erhoben wurde – ein erheblicher Kostenfaktor, die aber nicht anfiel, solange der Tee zur Lagerung und Weiterverarbeitung in der Freihandelszone im Hamburger Hafen verblieb. 1993 fiel die Teesteuer – aber Hamburg blieb Tee-Metropole.

Deshalb hat auch der mit den Marken Milford und Meßmer führende deutsche Anbieter, die Laurens Spethmann-Holding, die eigentlich in Seevetal sitzt, in Hamburg investiert: Das „Meßmer Momentum“ am Vasco-da-Gama-Platz ist eine Tee-Erlebniswelt auf 600 Quadratmetern mit Museum und Lounge in der man Tee im durchgestylten Ambiente nicht nur verkosten und kaufen, sondern auch alles über ihn und seine tausendjährige Geschichte lernen kann. Besonders schön ist die Terrasse mit Blick auf den Sandtorhafen, die alten, grau lackierten Hafenkräne, die dort stehen und stolze Segler wie der Zweimast-Schoner JR Tolkien, die vor Anker liegen.

Im Hellas-Speicher in der Hong Kong-Straße sitzt die Lifestyle-Teemarke „Samova“. Die ehemalige Journalistin Esin Rager hat „Samova“ im Jahr 2002 gegründet, als zwar die Ostfriesen mit 300 Pro-Kopf-Litern Tee im Jahr bereits Konsum-Weltmeister waren, im Rest von Deutschland Tee aber das Image von Jugendherberge und Wollsocken hatte. Inzwischen ist Tee ein Hipster-Getränk und Samova Umsatz-Millionär mit illustren Kunden: Für Scheich Sultan bin Tahnoon Al Nahyan kreierte „Samova“ die Mischung „Magic Gold“ aus schwarzem Tee, Safran, Rosen und Blattgold.

Für Normalsterbliche und Touristen ist dieser Tee nicht zu haben – aber in einem Schloss Tee trinken und mit Tee zubereitete Gerichte verspeisen, das geht in unmittelbarer Nachbarschaft: Im ehemaligen Windenwärter-Haus an der Dienerreihe, mit seinen Erkern und pittoresken Türmen eines der meistfotografierten Häuser der Speicherstadt, hat vor wenigen Jahren das „Wasserschloss“ eröffnet, ein Teehandelskontor mit mehr als 250 Sorten im Angebot. In der zugehörigen Gastronomie werden Salate mit Tee-Dressing genauso angeboten wie mit Tee gebeizter Fisch und Schnitzel mit Matcha-Tee-Panade.

(Zuckermonarchie / Ebd.)

Mitgestaltet hat das „Wasserschloss“ die Marketing-Spezialistin Silke Sasse, die mittlerweile nach St. Georg gezogen, dem Tee aber treu geblieben ist: In ihrer Tee-Boutique „T-Lovers“ an der Langen Reihe verkauft Sasse hundert Sorten feinste Tees. An einer für ihr besonderes Design prämierten Duftwand können Kunden den Tee in filigranen Glasglocken erschnuppern, ohne ihre Nasen in die Verkaufsdosen hängen zu müssen, wie es in so vielen Teeläden üblich ist.

Ihre Teesorten werden inzwischen auch in handverlesenen Teestuben der Stadt serviert – zum Beispiel in der „Zuckermonarchie“ auf St. Pauli, einem zauberhaften Café im Retro-Stil, in dem ebenfalls der „Afternoon-Tea“ zelebriert wird: Mit Cupcakes, Macarons, Mini-Gugelhupfen und Gurken-Sandwiches. Die Szene, die sich nachmittags hier trifft, würde man im gediegenen Hotel Vier Jahreszeiten wohl kaum antreffen. Aber einen Tee von höchster Qualität wissen eben fast alle Hamburger zu schätzen.

(Veröffentlicht Juli 2016)